Adalbert Nudera – Bassethorntrios

Der end-gültige echte Text -2011

 „…in einem unbekannten Land,
vor gar nicht all zu langer Zeit…“

„Böhmen bildet ein von waldreichen Gebirgen (Böhmerwald, Fichtel-und Erzgebirge, Sudeten- und Böhmisch-Mährische Höhe) umschlossenes Gebiet. Es wird von der Elbe und   Moldau mit ihren Nebenflüssen durch das Elbsandsteingebirge nach Norden entwässert.“ 1)
„Schade ist es übrigens, dass dem Wasser noch kein eigener Kanal angewiesen ist, denn nicht selten verursacht es Unannehmlichkeiten entweder dadurch, dass es durch die Löcher, oder, was noch weit schlimmer ist, durch die Klappen dringt.“ 2)

Um 1800 stellt sich folgendes Landschaftsbild dar:
„Eine Menge noch lebender Tonkünstler stammt aus den kleinsten Örtern und aus unbeträchtlichen böhmischen Dorfschulen her. Nur da war die Gelegenheit, ein wahres Künstlergenie zu bilden, wo Talent und einsames Studium einander die Hände boten.“ 3)
„Das Jahrhundert der böhmischen Musikanten war eine Zeit der Züchtung von oben her, durch die aus den Grundlagen des deutschen wie des tschechischen Volkes immer neue Wellen begabter Instrumentalisten, Kapellmeister und Komponisten heraufgeführt wurden.“ 4)
„Auf dem Schlossparkett, im Orchesterraum des Opernhauses und auf dem Kirchenchor vollzog sich eine bis dahin ungekannte Durchdringung bodenständiger Musik bäuerlicher und kleinbürgerlicher Herkunft mit den Typen und Formen der italienischen und süddeutschen Hochkunst.“ 5)
„Noch um 1785, also bis zu Mozarts Prager Zeit, sei es üblich gewesen, die Dienstfähigkeit eines Livrierten von seinen musikalischen Kenntnissen abhängig zu machen.“  6)
„Mozarts Prager, die auf dem Breitfeldischen Ball die Musik des „Figaro“ als „lauter contretänze und teutsche“ vertanzen, repräsentieren die böhmische Musikalität, in der man noch keineswegs nationale Eigenzüge suchte oder feststellte.“  7)
„Eine umfassende Geschichte der Musik in Böhmen und Mähren wird leichter geschrieben werden können, wenn die immer noch reichen und z.T. unerschlossenen Quellen der Länder allgemein zugänglich sind und wenn die heute noch allzu betonte Frage nach der Nationalität im Gespräch der Geschichtsforscher beider Nationen verstummt oder unerheblich geworden ist .“  8)
„Der Egerländer „Gelroubenbeißer“ (nach der gelben Farbe der wohlfeilen Klarinetten) und tschechische Tanz- und Straßenmusikant verdanken ihre Wirkung dem unverwüstlichen Instrument, das im Verein mit „Blech und Streich“, bei „Tauf’ und Leich“ unerlässlich war.“  9)

Nudera (Adalbert) Violinist bey dem Kathedralorchester am Wischehrad zu Prag ums J.1796, gehört nicht nur unter die guten Spieler seines Instruments, sondern ist auch Komponist mancher wohl aufgenommenen Instrumentalstücke, von denen auch gestochen worden ist: Andantino avec 8 Variations pour la Clarinette et Fagotte oblig. avec accomp. de 2 Violons, 2 Cors et B. Op.1. Gotha und Petersburg, bey Gerstenberg, 1796. 10)
Nebenbei bemerkt:
„Die besten mir bekannten Bassethörner sind die Wiener, allein man muss sich auch bey diesen um manche rein zu bekommen, des Wachses, besonders bey dem e und g Loch bedienen, weil meistens das f und a zu hoch ist. Freylich wird dadurch das d etwas zu tief, allein man kann zu diesem die cis-Klappe öffnen, so wird es ganz rein.“  11)
„Minore findet man über einzelnen Stellen eines Musikstückes, welche die kleine Terz haben, oder aus einem Molltone gehen, und insofern von dem vorhergehenden Maggiore verschieden sind.“  12)

1):Der neue Brockhaus 6.Auflage Wiesbaden 1978 Band 1

2):J.G.H.Backofen: Anweisung zur Klarinette nebst einer kurzen Abhandlung über das Bassett-Horn , Leipzig 1803 S.36

3):Jahrbuch der Tonkunst von Wien und Prag , Wien 1796 , S.103

4):Karl Michael Komma: Das böhmische Musikantentum, Kassel 1960 , S.147

5):ebenda

6):Komma, S.145

7):Komma , S.9

8):Komma , S.195

9):Komma, S.67

10):Ernst Ludwig Gerber: Neues historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler ,Band 3, Leipzig 1813

11):Backofen , S.36

12):D.G.Türk: Clavierschule oder Anweisung zum Clavierspielen für Lehrer und Lernende , Leipzig/Halle 1789 , S.128

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Der ursprüngliche CD-Text – 2011

Adalbert Nudera ist ein wunderbares Beispiel für einen Komponisten über den es viele Vermutungen aber nur wenig gesicherte Tatsachen zu berichten gibt. Leider wird dieser Umstand auch nicht dadurch geändert, dass alle möglichen Autoren und selbsternannte Wissenschaftler über viele Jahre hinweg sich gegenseitig  immer wieder zitieren und wiederholen.
Was bleibt? Alle Angaben über A.Nudera (1748-1811) basieren auf zwei Quellen. Zum einen bei Gerbers Tonkünstler-Lexikon 3.Band, Leipzig, von 1813:
„Nudera (Adalbert) Violinist bei dem Kathedralorchester am Wischerad zu Prag ums Jahr 1796, gehört nicht nur unter die guten Spieler seines Instruments, sondern ist auch Komponist, mancher wohl aufgenommenen Instrumentalstücke, von denen auch gestochen worden ist: Andantino avec 8 Variations pour la Clarinette et Fagotte oblig. avec accomp. de 2 Violons, 2 Cors et B. Op.1 Gotha und Petersburg, bei Gerstenberg, 1796.“
Zum Anderen bei G.J.Dlablacz Künstlerlexikon für Böhmen, Prag, von 1815:
„Nudera, A., von ihm ist im Jahre 1797 ein Andantino avec VIII variations pour la Clarinette et Fagotte obligées avec l’accompagnement de deux Violons, deux Cors de chasse, et Basse composées, in der Calvischen Buchhandlung in Prag verkauft worden.“
„Nudera, ein Violinspieler an der Kollegialkirche zu St.Peter auf dem Wischerad 1796. Er hat verschiedene Menuetten; deutsche Tänze, Sonetten und Trios bekannt gemacht. Auch habe ich ein Te Deum, und einige Litaneien von ihm gesehen.“

Gibt es jetzt einen oder zwei Komponisten gleichen Namens uns handelt es sich hier überhaupt um „unseren“ Nudera? Diese Frage sollen Historiker beantworten, denn so entscheidend für eine Aufnahme seiner Werke für drei Bassetthörner ist in diesem speziellen Fall weniger die Frage nach dem Komponisten als mehr die Frage nach der Musik selbst. Da fällt erst einmal auf: es gibt anscheinend ein Trio aus Bassetthorn-Spielern in Prag um 1800 – in dem Prager Nationalmuseum, aus der das Notenmaterial für die „Divertimenti1-5“ stammt, liegen aus dieser Zeit etliche Werke für Bassetthorn-Trio, man kann diese Besetzung als eigenständige Gattung verstehen. Viele dieser Werke sind keine Konzertstücke im heutigen Sinn, sondern verstehen sich als Musik zum Zeitvertreib und Vergnügen bei Gesellschaften oder Festivitäten. Zeitgleich gibt es in Wien das gleiche Phänomen, bei der Musik aus Prag jedoch entwickelt sich eine selbstständige Ironie in der Musik – heute sprechen wir vom böhmischen Witz und wissen, dass es sich hierbei oftmals um den Galgenhumor eines jahrelang unterdrückten Volkes handelt, welches keine andere Möglichkeit des Widerstandes gegen die Obrigkeit hatte als die Satire. Was also bisweilen als naive Einfachheit  erscheint, mag oft als Karikatur derselben gemeint sein. Anders als bei Mozart,Stadler und Druschetzki versteht Nudera seine Trios als 5 festgelegte progressive Divertimenti und nicht als lose Sammlung von 25,18 oder 33 Einzelsätzen, die nach Belieben und Bedarf zusammengestellt werden sollen.

Um welches Instrument handelt es sich überhaupt wenn wir von einem Bassetthorn sprechen?
Unter „wissen.de“ findet man: „Das Bassetthorn ist eine Altklarinette in F oder Es mit vier Zusatzlappen, die die Tiefe bis C erweitern (…) und einem aufgebogenen Metallschallstück wie bei einem Saxophon.“ -?-?- Wieder ein schönes Beispiel für leider falsch abgeschrieben! Eigentlich gehört das Bassetthorn in die Gruppe der “Corno“-Familie, wie das Corno inglese (Englischhorn), das Corno da caccia, oder eben das Corno di bassetto im Sinne von kleiner Basso. Es ist in der Regel in F gestimmt, um 1800 gerne auch in G (analog zur Solostimmung bei Kontrabässen), bei G.Druschetzki vermutlich auch in D. Verbreitet war das Bassetthorn ab den 1770er Jahren in Wien, kurz darauf auch in Böhmen, beliebt als Trio zur Unterhaltung und als Harmoniemusikbesetzung. Höhepunkt der Verbreitung war gegen 1800, ab ca. 1820 Verschwindet es wieder aus der Instrumentalliteratur um erst ab 1890 wiederentdeckt zu werden.
Die Bassetthörner, die bei dieser Aufnahme verwendet wurden, sind Kopien nach Instrumenten von Hammig jun., Wien um 1800, die von Schwenk&Seggelke zwischen 1990 und 2008 hergestellt wurden. Diese Instrumente können neben ihrer Funktion als Bassinstrument vor allem durch die klangliche Mischungsfähigkeit und Nähe zu den Klarinetten als Fortsetzung in die Tiefe überzeugen. In seiner technischen Wendigkeit stehen sie den Klarinetten nicht nach, und so kann der Hörer oft erst nach einer Weile erkennen, dass tatsächlich drei gleiche Instrumente spielen und weder Sopran- noch Bass-Lage einen eigenen Klangkörper benötigen.

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