Vorgeschichte 3

 Und sonst so? Das deutschsprachige Gebiet in Europa nennt sich „Heiliges Römisches Reich“, ist aber de facto ein territorial in Kleinstländer zersplitterter Großraum, der -politisch instabil- Reisen und Kommunikation zu einem Wagnis werden lässt. Ein „gotisches Monstrum mit absolutistischen Gliedern“ (S.Puffendorf 1667). Man darf nicht vergessen dass der 30jährige Krieg gerade erst vorbei ist und diese kleinen Länder besonders gelitten haben. Trotzdem gibt es zarte Pflänzlein des Neuanfangs: Leibniz erfindet 1673 die erste Rechenmaschine, wen es interessiert: bereits 1662 erfindet ein gewisser Herr Städtler den Bleistift, durch das neu erlangte Wissen um die Porzellanherstellung 1693 erlangt das bis dahin kleine Land Sachsen in der Folgezeit immensen Reichtum. Frankreich und England sind in dem großen Krieg schon besser weggekommen, immerhin hatte Newton 1666 Zeit und Muße seine neue Gravitationstheorie vorzustellen – aber überall herrscht das gleiche Bild: der Krieg ist selbstverständlicher Alltag, der Tod stets präsent, Hygiene gleich null.

Müssen wir also davon ausgehen das die Verständigung innerhalb „Europas“ so eingeschränkt war das der Austausch von Informationen und Neuigkeiten nicht mehr stattfand? War Reisen unmöglich? Das ist nicht ganz einfach, aber kurzgesagt: wer tatsächlich ein Ziel hatte, konnte dies erreichen, wenn auch unter großen Mühen und Opfern. Eine ganz vergessene Art des – wenn auch unfreiwilligen- Reisens mit Knowhow-Transfer bildeten für Musiker damals leider auch die vielen kleinen Kriege. In dieser Zeit sind dies nicht wie im 20.Jhd. Großschlachten sondern eher Scharmützel unter den Stämmen. Die Musiker sind immer vorneweg, und da der Nationalgedanke noch nicht ausgeprägt bzw. formuliert ist, werden diese unabhängig von der Herkunft nach Bedarf eingekauft und erfüllen in trauriger Weise das Sprichwort: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing!“  Weiterhin gab es auch damals schon Messen und ganz wichtig: überregionale Gerichtstage. Das größte und damals schon älteste Erfolgsmodell war zweifelsohne das „Frankfurter Pfeifergericht“ – seit dem 14.Jhd. urkundlich erwähnt liegt es terminlich unmittelbar vor der Frankfurter Messe. Ursprünglich war dieses Gericht eine letzte Instanz in rechtlichen Streitfragen aus ganz Europa mit dem Sonderstatus dreier freier Städte (Worms, Nürnberg, Bamberg), die jedes Jahr aufs Neue erscheinen mussten um ihre Zollfreiheit zu verlängern. Das Ganze war ein sehr förmlicher Akt und ging nur mit ausgesprochen konservativen Ritualen über die Bühne. Sehr schön beschreibt dies J.H.H.Fries in seinem Buch „Abhandlung vom sogenannten Pfeifergericht“ Ffm 1752, die quälend präzise geschilderten juristischen Abläufe können wir getrost außer Acht lassen. Für uns wichtig ist womöglich das musikalische Rahmenprogramm: Es war dort „seit alters her“ die Pflicht einer jeden Delegation, eine eigene Pfeiferkapelle mit zubringen. Diese bestand aus 3,5,oder 7 Musikern, die, durch die Stadt ziehend, ihre eigene Erkennungsmelodie zu spielen hatten. Das Ganze nach Vorstellung des Planungsteams am besten unverändert über die Jahrhunderte. Also: die gleiche Musik, die gleichen Klamotten, die gleichen Instrumente. Eine so praxisferne Event-Organisation ist heute allenfalls mit den seltsamen Planungsideen an so manchem Opernhaus vergleichbar. —  Aber weiter in Frankfurt: Klar, das auf Dauer dieses Spektakel droht langweilig zu werden, vor allem aber war es teuer und umständlich, die nötigen Musiker in der jeweils eigenen Stadt zu finden und mit auf die Reise zu nehmen. Die freien Städte machten also seit Beginn des 16.Jhd. Eingaben, dieses Prozedere zu ändern, als gegen 1650 auch noch die starken Städte Aachen und Brüssel protestierten gab es kein Halten mehr. Zwischen 1660 und 1680 wurden die Statuten geändert und fortan war es möglich „etwa Frankfurter oder andere in der Nähe gesessene Pfeiffer gebrauchen zu können“(Fries S.168). Das war natürlich nur gegen Bezahlung möglich. Wegen dieser Zollgeschichte kam dann noch Nürnberg als eher sehr reiche Stadt hinzu und es begann ein lustiger Wettstreit der Städte wer die besseren Musiker hatte bzw. sich leisten konnte – nicht viel anders als heute. Die ursprüngliche Bedeutung als Gerichtstag trat allmählich in den Hintergrund, das Musikspektakel diente nun vor allem dazu Messebesucher anzulocken, um 1700 hatte dies eine Bedeutung als würde die Frankfurter Musik Messe und der ARD-Wettbewerb gleichzeitig stattfinden.

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Kategorien: Geschichte(n) der Klarinette, Historie | Hinterlasse einen Kommentar

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