Twilight – KEINE blutsaugende Hollywood-Schnulze – 2012

Bei der Beschäftigung mit musikhistorischen Grauzonen stieß CLARIMONIA in den vergangenen Jahren immer wieder auf jenen kurzen Zeitabschnitt, der gemeinhin als das „fin de siécle“ bezeichnet wird. Innerhalb dieser „Epoche“ wiederum häuften sich zumeist amerikanische Werke, die als Gemeinsamkeit den Begriff „Twilight“ in sich tragen. Um welchen Zeitraum handelt es sich dabei eigentlich genau, und ist die Bezeichnung „Epoche“ überhaupt richtig?
Nachschlagewerke legen das „fin de siécle“ auf die Jahre 1890 bis 1914 fest. Dies sind schöne glatte Zahlen, bei genauerer Betrachtung wird man auf den Zeitraum von 1889 bis 1912 kommen. Während die Welt damals politisch mit Höchstgeschwindigkeit sehenden Auges auf den Abgrund zusteuerte, schritt die kulturelle Entwicklung  in dieser Zeit, was die nachhaltig stilbildenden Einzelwerke sowie deren Gesamtmasse überhaupt betrifft, in explosionsartigen Riesenschritten voran. Kaum ein Jahr verging, ohne dass ein neues Opernhaus oder eine neue Kunsthalle/Museum eröffnet wurde, in jedem Jahr wurde eine neue Oper von R.Strauss oder G.Puccini , gleichermaßen eine Operette von F.Lehar uraufgeführt. Zeitgleich zum Aufkeimen des französischen Impressionismus entdeckte J.Brahms die Klarinette für seine Musik, während in Amerika ein Charles Ives bereits an den Ketten der Konvention zerrt. Damit nicht genug: Die Anzahl der geographischen Neuentdeckungen, technischen Erfindungen und wissenschaftlichen Entwicklungen, die bis heute Bestand haben, ist kaum zu überschauen – stellvertretend seinen hier nur schlagzeilenartig das gesamte Kommunikations- und Transportwesen, die Medizin und das große Thema Elektrizität genannt.
Auf diesem geistig-kulturellen Nährboden entstand die Musik der vorliegenden „Twilight“ Stücke, das Wort alleine beinhaltet ja nicht nur das Zwielicht oder die Dämmerung, sondern auch eine morbide Ahnung von Untergang und Ende. 

Das große Thema „fin de siécle“, dieser pulsierende Zeitraum von 1889 bis 1912, kann Aufgrund der außerordentlichen Vielfalt der kulturellen Strömungen nicht als Stilepoche bezeichnet werden, es sei denn, man möchte gerade diese Uneinheitlichkeit als stilbildend bezeichnen. Diese Frage ist aber genauso unerheblich wie der Name „fin de siécle“ selber – warum nennen wir diesen Zeitabschnitt nicht „Twilight“? Entscheidend sind die von Symbolen geprägten Eckdaten: 1889 wurde zum 100. Jubiläum der Revolution in Paris mit dem Eiffelturm das damals höchste Gebäude der Welt fertig gestellt. Dies galt als endgültiger Sieg des Menschen und der Technik über die Natur, auch wenn die Pariser Bürger das Gebäude nach der anstehenden Weltausstellung aus ästhetischen Gründen wieder abreißen wollten. Die Energie dieser unbedingten Fortschrittsgläubigkeit kollabierte unvermittelt 1912, in dem Jahr, welches durch den Bau des größten, schnellsten und sichersten Schiffes namens „Titanic“ zu einem weiteren Triumph werden sollte – das Ende ist hinlänglich bekannt.
Als Beispiel für die Kreativkraft dieses kurzen Zeitabschnittes sei hier stellvertretend das Jahr 1905 näher betrachtet: Das neue Opernhaus in Nürnberg wird nach mehrjähriger Verzögerung fertig gestellt. „Salome“ und „Die lustige Witwe“ werden uraufgeführt, genauso wie das Violinkonzert von Sibelius, Mahlers „Kindertotenlieder“ und Debussys „La Mer“. H.Mann veröffentlicht „Prof.Unrat“, Morgenstern die „Galgenlieder“ und Thoma die „Lausbubengeschichten“. Die Naturwissenschaftler erklären das Jahr zum „Annus mirabilis“ – Voraussetzung für solch ein Wunderjahr ist das Zusammenkommen mehrerer Einzelereignisse, die die Menschheit nachhaltig prägen. Dieses Wunderjahr wurde bisher überhaupt nur zweimal ausgerufen: 1666 in England(Newton) und eben 1905 mit den vier großen Aufsätzen von Einstein, die die Welt bis heute beschäftigen. Zur Zeit des Erscheinens aber waren Begriffe wie „Relativität“ oder „Lichtgeschwindigkeit“ in aller Munde und gerade in der selbsternannten feinen Gesellschaft der Salons und Bälle wurden diese heiß diskutiert.—  Es ist kaum vorstellbar, dass heute in einer Fernsehshow oder Illustrierten die neuesten Erkenntnisse der Physik eine so entscheidende Rolle spielen könnten.

 

Advertisements
Kategorien: CLARIMONIA@twilight - Musik des "fin de siécle", Tonträger | Hinterlasse einen Kommentar

Beitragsnavigation

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: