CD Booklet-Text – möglicherweise… – 2008

Clarimonia: En Suite

Musik für zwei Klarinetten und Bassetthorn bzw. Horn aus drei Jahrhunderten

Wilhelm Altenburg,  schrieb1904:

„Den Ausübenden Musikern wie den Zöglingen der Musikschulen kann nur angeraten werden, wo die Gelegenheit sich bietet, in den vorhandenen Sammlungen sich über alle bestehenden Orchesterinstrumente eine gewisse Einsicht zu verschaffen ,namentlich aber über die einzelnen Entwicklungsstufen ihres eigenen Instrumentes eine hinreichende Anschauung zu gewinnen. Eine derartige Erweiterung ihres Gesichtskreises kann nur fördernd wirken und wird manche irreführenden Vorurteile zerstreuen.“(in:Altenburg:“Die Klarinette“ Heilbronn 1904)

Clarimonia  hat diesen Satz als Leitmotiv gewählt und verfolgt seit Jahren in seinen Konzerten und Workshops das Ziel, sein Publikum mit der Entwicklungsgeschichte der Klarinette am Beispiel der dazu passenden Musik vertraut zu machen.
Es müssen nicht immer drei gleiche Instrumente sein: die im Konzert bereits erprobte Mischbesetzung mit 2 Klarinetten und einem Bassetthorn zieht sich wie ein roter Faden durch die Literatur der Jahrhunderte. Darüber hinaus bietet der Gedanke des 18. Jahrhunderts, Musik nicht nur in einer überlieferten Besetzung aufzuführen, sondern für ein gerade zur Verfügung stehendes Ensemble zu adaptieren, reiche Möglichkeiten zur Programmerweiterung.
Die vorliegende CD spannt den Bogen von der frühesten Form der Klarinette nach Jakob Denner (1681-1735) bis zu dem Instrument, mit dessen Unterstützung Richard Mühlfeld (1856- 1907) einst zu einem der heute noch berühmtesten Klarinettenvirtuosen geworden ist. Die Klarinetten von Georg Ottensteiner (1815-1879) stellen die Grundlage des heutigen deutschen Klarinettensystems dar und können als ein Höhepunkt der Klarinettenbaukunst gewertet werden.
Die Klarinetten in C nach Bühner und Keller, Straßburg (ab1806) vereinen das elegante Aussehen eines französischen Instruments mit dem vollen, zentrierten Klang einer eher wienerisch anmutenden Klarinette. So könnte Joseph Pranzer als gebürtiger Österreicher in der damaligen Musikhaupstadt Paris seine Musik auch gehört haben.
Aus Sachsen kommt das Vorbild der B- Klarinetten nach Heinrich Grenser, Dresden (1768?-1813). Im Museum des Musikwinkels Markneukirchen aufbewahrt, legen diese Instrumente Zeugnis ab für die handwerkliche Präzision und den Reichtum an Ausdrucksmöglichkeiten, mit dem diese Klarinetten aufhorchen lassen. Grensers Baustil war der Archetyp der Klarinette zwischen 1790 und 1840, seine Arbeit wurde weit über Sachsens Grenzen hinaus imitiert.
Dem Bassetthorn nach Hammig Jun., Wien um 1800, war die erste CD von Clarimonia in Gänze gewidmet. Hier kann es neben seiner Funktion als Baßinstrument vor allem durch die klangliche Mischungsfähigkeit und Nähe zu den Klarinetten als Fortsetzung in die Tiefe überzeugen. In seiner technischen Wendigkeit steht es den Klarinetten nicht nach, und so kann der Hörer oft erst nach einer Weile erkennen, dass die Melodie gerade im hohen Register des Bassetthorns geführt wird.
Wilhelm Heckels Fagotte genießen heute noch Weltruf, kaum jemand weiss allerdings heute noch, welch hervorragende Bassetthörner und Bassklarinetten bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts in dieser Firma entwickelt und gebaut wurden. Grundlage des seit 1998 von Schwenk & Seggelke gebauten Bassetthorns ist ein Instrument von 1905 aus dieser Werkstatt. So kommt hier zu den Buchsbaum- Klarinetten ein aus Cocobolo gefertigtes Bassetthorn zum Einsatz, dessen Schallbecher ebenfalls aus Holz gefertigt ist, und dessen S- Bogen (der Verbindungsteil zwischen Mundstück und Oberstück) ebenfalls aus einer hölzernen abgewinkelten Verbindung besteht. So wird wieder die in der Klassik bereits etablierte klangliche  Nähe von Klarinette und Bassetthorn erreicht.
Nach einigen Experimenten mit verschiedenen Hörnern haben sich die Musiker von Clarimonia  für die Händel- Ouvertüre auf ein offen gespieltes französisches Jagdhorn geeinigt. Diese Wahl wird dem musikalische Charakter der Ecksätze bestens gerecht, die Jagd- Motivik lässt sich auf einem nicht mit der Hand im Schallbecher „gestopften“Horn wesentlich besser zum klingen bringen. Dass auch auf den Klarinetten die Naturtöne f und a entsprechend den Möglichkeiten des Horns anders klingen als auf gleichschwebend intonierten Instrumenten, gibt diesem Werk seinen besonderen Charakter zurück.
Joseph Pranzer (17??-18??) Trio Nr.2 C- Dur, Sätze: Allegro, Largo ,Rondo
Gespielt auf 2 Klarinetten in C nach Bühner & Keller, Bassetthorn in F nach Hammig jun.
Über das Leben von Joseph Pranzer ist kaum etwas bekannt. Gesichert ist, dass er tatsächlich gelebt hat und kein Pseudonym darstellt. Pranzer nennt sich selber Schüler von Joseph Haydn, ein Verhältnis ,welches heute zwar nur schwer zu verifizieren ist, dafür aber ein Anhaltspunkt für das zeitliche wie stilistische Umfeld seiner Kompositionen gibt. Die Behandlung der Klarinette und ihre figurative Virtuosität ließe auch eine Nähe zu Ignaz Pleyel (1782-1850) vermuten, der seinerseits erwiesenermaßen Schüler von Haydn war. Pranzers Spuren führen, parallel zu Pleyel, von Wien nach Paris, wo er noch einige Werke vor allem für Flöte bzw. Klarinette veröffentlich hat, leider sind weder genaue Lebensdaten noch Details seiner Vita bekannt.
Die vorliegende Fassung des Trios Nr.2 für zwei C-Klarinetten und Bassetthorn hat „Clarimonia“ aus der Originalfassung (zwei Klarinetten und Fagott) behutsam entwickelt. Diese Vorgehensweise war im ausgehenden 18.Jahrhundert durchaus üblich und verbreitet, da die   Instrumentalstimmen weitgehend variabel gehandhabt wurden. Als Quelle dient der Stimmensatz der Trios aus dem Kloster Einsiedeln in der Schweiz.
Konradin Kreutzer (1780-1849) Trio , Sätze: Allegro,Adagio,Rondo
Gespielt auf 2 Klarinetten in B nach Heinrich Grenser, Bassetthorn in F nach Hammig jun.
Schon 1959 fordert Reclams Kammermusikführer, Konradin Kreutzers kammermusikalisches Schaffen dürfe, vor allem wenn es Bläser mit einbezieht, keineswegs in Vergessenheit geraten. Wie konnte es trotzdem dazu kommen?
Zum einen hat Kreutzer ,1780 in Meßkirch/Baden geboren und in ärmlichen Verhältnissen 1849 in Riga gestorben, 30 Opern und zahllose Chorlieder geschrieben, die seine Instrumentalmusik zu Unrecht in die zweite Reihe drängen . Zum anderen aber hat er immer wieder mit ungewöhnlichen Besetzungskombinationen experimentiert, sodass man eine wiederkehrende Gattung vergeblich sucht.
Sein Trio –original für 2 B-Klarinetten und Viola- fällt vor allem durch scheinbar nicht zusammenhängenden Satztonarten auf (B-Dur,d-moll,G-Dur) ,jedoch macht dieser tonale Gegensatz gerade den besonderen Reiz dieses Werkes aus .Es bietet sich die Version mit Bassetthorn anstelle der Viola an.
Giuseppe di Blumenthal (1782-1850) Trio …..Sätze:Air du Ballet d´Herrman de Unna,Marche de Charles XII près de Narva,Romance africaine,Marche des Chevaliers de l´Ordre des Seraphims en Suede,De l´Opera :Samori,L´invocation du Soleil en Laponie.
Giuseppe di Blumenthal –eigentlich Joseph Baron von Blumenthal- lebte von 1782 bis 1850.
Obwohl hauptberuflich Baron und „nur“ Hobbykomponist entwickelte er ein erstaunliches Gespür für Kammermusikklänge, namentlich die Weiterverarbeitung bereits vorhandener Werke beflügelte ihn offenbar zu genialen Momenten .In den von ihm erhaltenen ca. 50 Werken findet man so Paraphrasen für Streichquartett über Auber´s  „Fra Diavolo“ und Bellini´s  „La Straniera“. Das vorliegende Trio für zwei Klarinetten und Bassetthorn basiert auf Themen aus Opern von Georg Joseph „Abbé“ Vogler (1794-1814). In seiner heute unbekannten Oper „Hermann von Unna“ besetzt Vogler ein Bassetthorntrio solistisch .Die von Blumenthal vorgenommene Änderung der Besetzung ist sicherlich kein Zugeständnis an die Geschäftstüchtigkeit des Verlegers –Blumenthal war finanziell unabhängig- sondern die klangliche Erweiterung des bekannten reinen Bassetthorntrios.
Robert Stark Trio g-moll op 49 Sätze: Allegro maestoso,Adagio,Allegro molto quasi Presto
Gespielt auf 2 Klarinetten in B nach Georg Ottensteiner und Bassetthorn in F, Schwenk & Seggelke.
Robert Stark (1847-1922) trat weniger als Komponist in den Vordergrund als vielmehr durch sein großes Lehrwerk „Große theoretisch-praktische Clarinet-Schule nebst Anweisung zur Erlernung des Bassetthorns und der Baßclarinette“ .Dieses als op. 49 bekannt gewordene umfangreiche Werk wurde 1892 erstmals veröffentlicht und galt von Beginn an als Antipode zu Carl Baermanns 1864-1875 erschienenem Lehrwerk .So scheint bei Baermann immer der Geist C.M.v.Werbers anwesend zu sein ,während Stark die technische Perfektion ohne Geister in den Vordergrund  rückt .Sein Verleger Schmidt bewarb diese neue Schule :“Die Zeiten sind längst vorüber ,in welchen der Clarinettist je nach dem Charakter der Tonart die A-,B- oder C-Clarinette auswählte .Mit der fortschreitenden Vervollkommnung der Clarinette stiegen gleichzeitig die Ansprüche der Componisten an dieses Instrument ganz außerordentlich.“ Oskar Kroll  schreibt schon 1944, nur durch die bedauerliche Einseitigkeit vieler Klarinettisten seien Baermann und Stark zu Konkurrenten gestempelt worden, hier der Künstler dort der Techniker- hat sich daran bis heute viel geändert? Die Sonate für zwei Klarinetten und Bassetthorn aus op.49 wird bis heute in der vermeintlich wesentlichen Fachliteratur wenn überhaupt erwähnt, dann als ein nur zu Studienzwecken interessantes Werk, welches auf der Bühne keinerlei Berechtigung habe. Warum das so ist, lässt sich nur vermuten, an der Musik selbst kann es wohl kaum liegen.
Georg Friedrich Händel Ouverture in D HWV… Sätze:Andante-Allegro ma non troppo,Larghetto,Andante Allegro,Allegro
Gespielt auf 2 Klarinetten in D nach Jakob Denner und Corno da Caccia in D.
Als Gast bei Clarimonia hören Sie Joaqim Palet.
Georg Friedrich Händel (23.2.1685-14.4.1759) schrieb seine „Ouverture“ für zwei Klarinetten in D und Jagdhorn in D um 1744 in London. Dies ist bemerkenswert wenn man bedenkt dass die Erfindung der Klarinette in Nürnberg noch nicht lange zurück lag, und der Informationsfluss in der damaligen Zeit langsamer war. So schreibt J.G.Walther in seinem „Musikalischen Lexicon“ von 1732 über die Klarinette : „von Ferne einer Trompete ziemlich ähnlich“ ,J.C.Weigel aber in seinem „Musikalischen Theatrum“(1722) : „Waan der Trompeten-Schall will allzulaut erthönen – so dient das Clarinet auf angenehme weiß – es darff en hohen Thon auch niedern nicht entlehnen – und wechselt lieblich um ; Ihm bleibt hierdurch der preiß“.
Dieser scheinbare Widerspruch klärt sich bei Händel wenn man auf die frühen Klarinettisten schaut, für die er dieses Werk geschrieben hat. Zum einen hielten sich zu dieser Zeit die beiden Deutschen August Freudenfeld und Johann Ludwig Rose in London auf, beide Oboisten, die sich gerne des „neuen“ Instrumentes bedienten. Zum anderen wirkten zeitgleich der mysteriöse Mr.Charles und sein Sohn in England, diese jedoch ursprünglich Horn- und Clarinospieler. In Händels „Ouverture“ findet man daher fanfarenhafte Signale neben lyrischen Kantilenen, die so nur auf diesen damals modernen Instrumenten überhaupt möglich waren.

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Kategorien: En Suite - Evolution der Klarinette, Tonträger | Hinterlasse einen Kommentar

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